Stadtrundgang zur Frauengeschichte

Themen: Arbeiterinnen, Nationalsozialismus und Migration

Mit "Geschichte" werden nach wie vor meist historische Fakten, große Staatsmänner oder Kriege verbunden. Mit dem Stadtrundgang zur Frauengeschichte der Nürnberger Südstadt dagegen soll Geschichte aus der Perspektive der alltäglichen Erfahrungen der Leute vor Ort, vor allem der Arbeiterinnen der Südstadt beleuchtet werden.

Stadtrundgang - GruppenbildTrotz fehlender Quellen und vieler Lücken lassen sich doch äußerst spannende historische Entwicklungen rekonstruieren. Ergänzt mit den Berichten von Zeitzeuginnen entsteht ein detailreiches Bild dieses Stadtteiles.

Historisch betrachtet sind Migration und Wanderungsbewegungen auf der Suche nach Arbeit schon immer weit verbreitet. Lange bevor die ersten sogenannten GastarbeiterInnen im Jahr 1955 von der Bundesrepublik angeworben wurden, war die Ein- und auch die Auswanderung im hiesigen Gebiet durchaus üblich.

Im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts stieg mit der Einwanderung aus ländlichen Gebieten in der Oberpfalz, Böhmen, Thüringen und Österreichs in den Nürnberger Außenbezirken die Zahl der BewohnerInnen deutlich an. Mit der Ansiedelung in Steinbühl waren die "Zugezogenen" dann vor allem in den neuen Industriebetrieben beschäftigt.

Frauenarbeit
Aufnahme aus dem Buch:
"Verlaßt Euch nicht auf die Hülfe der deutschen Männer!". Stationen der bürgerlichen und proletarischen Frauenbewegung.
Nürnberg 1990.
Hrsg.: FIBiDoZ e.V.

Frauen, die von "auswärts" in die Südstadt kamen, waren beispielsweise in den Schuckertwerken in der Gugelstraße tätig. Spezielle Angaben über die Anzahl der weiblichen Arbeitskräfte bei Schuckert oder die Arbeitsverhältnisse liegen nicht vor. In den Arbeitserinnerungen von Männern heißt es lediglich lapidar: "Mei Frau hat zum Schuckert nüber müssen". Es existieren jedoch zahlreiche Fotografien der Frauenarbeit aus dem Zählerwerk der Schuckertwerke.

Bezeichnend für die Arbeitssituation der Frauen war es, dass sie unter der Aufsicht von männlichen Meistern arbeiten mussten. Dieses Verhältnis hat sich Jahrzehntelang nicht geändert, noch in den 50er Jahren des 20. Jhs. erzählt ein Arbeiter der Siemens-Schuckert-Werke: "Ich war in einer Abteilung, da waren 80 Frauen, die haben die ganzen Leitungen isoliert. Also ich hätte die Arbeit keine 6 Wochen gemacht. Die haben ganz niedrige Lohngruppen gehabt. Aber typisch dabei war, daß nicht eine Frau, sondern ein Mann Vorarbeiter war".
Der Frauenlohn war von Anfang an wesentlich niedriger als der Männerlohn, die Arbeiterinnen wurden als 'Schmutzkonkurrenz' empfunden. Deswegen bekämpften die Arbeiter die Frauenarbeit, anstatt sich für eine gerechte Entlohnung einzusetzen.

Die schlechtere Bezahlung lag zum einen daran, dass die Frauen fast allesamt ungelernt waren, zum anderen erhielten sie aber auch dann 30 - 50 % weniger, wenn sie dieselben Tätigkeiten wie Männer verrichteten. Ein politischer Zusammenschluss war den Frauen laut Gesetz von 1850 bis 1908 verboten. Ein erster Versuch, 1885 einen "Verein zur Vertretung der Interessen der Arbeiterinnen" in Nürnberg zu gründen, der besonders die Besserung der Lohnverhältnisse zum Ziel haben sollte, wurde bald vom Nürnberger Stadtrat verboten.

Grundsätzlich hatte die Fabrikarbeit für die Frauen weniger eine emanzipatorische Intention, sondern war vielmehr der wirtschaftlichen Notwendigkeit geschuldet. Die Arbeitszeit betrug damals zwischen 10-15 Stunden und eine ehemalige Arbeiterin erinnert sich im Alter von 87 Jahren:
"Wir waren sehr arm, es musste sehr gespart werden. Ich war in der Fabrik für 60 Stunden die Woche und 3,58 Mark Wochenlohn und für 4 Tage Urlaub (im Jahr). Zu essen gab es nur Gemüse und Kartoffeln."
Die meisten dieser Arbeiterinnen waren ledig und hatten zusätzlich zur Schwierigkeit, mit dem geringen Lohn aus zu kommen, große Schwierigkeiten bei der Suche nach Unterkunft. Gerade diese ledigen Arbeiterinnen von "auswärts" galten in der öffentlichen Meinung als "sittlich gefährdet" oder "asozial" und wurden von der Presse häufig der Prostitution verdächtigt.

Literaturtipps:

"Verlaßt Euch nicht auf die Hülfe der deutschen Männer!". Stationen der bürgerlichen und proletarischen Frauenbewegung, hrsg. v. FIBiDoZ e.V., Nürnberg 1990. Zu bestellen unter: fibidoz@odn.de
"Mei Frau hat zum Schuckert nüber müssen" Stadtrundgang zur Frauengeschichte in der Nürnberger Südstadt, in: raumzeit 19, Monatszeitung aus Nürnberg, Fürth und Erlangen, 21.12.2002

Heute wird Arbeitsmigration meist mit der Zeit der sogennanten Gastarbeiter verbunden. Infolge des Arbeitskräftemangels zur Zeit des sogenannten Wirtschaftswunders entschloss sich die Bundesregierung ab 1955 zur Anwerbung ausländischer Arbeitskräfte. Von den rund 14.700 sog. GastarbeiterInnen, die nach Nürnberg kamen, waren rund ein Drittel Frauen.

Eine von ihnen ist Frau Ipec, die 1974 aus Ankara nach Nürnberg kam und schließlich hier heimisch wurde. Frau Ipec und ihre Tochter Selma leben in der Südstadt und berichten über die ersten Jahre in Deutschland:

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Heute sind rund 32,5 % der rund 60.000 EinwohnerInnen der Nürnberger Südstadt MigrantInnen. Türkische Imbisse, italienische Läden, Kulturvereine prägen heute das Bild dieses Stadtteils. Zu Beginn der Anwerbung der sog. GastarbeiterInnen stellte sich die Situation noch anders dar:

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Frau Ipec engagiert sich seit einem halben Jahr in der internationalen Frauengruppe, die seit rund zehn Jahren besteht.

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Büsra Yilmaz gehört zur MigrantInnengeneration, die in Deutschland geboren ist. Sie ist noch Schülerin und war bisher kaum mit Schwierigkeiten als Migrantin konfrontiert. Allerdings befürchtet sie, dass bei der Suche nach einer Lehrstelle Probleme auf sie zu kommen werden.

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Neben Migration war auch die Zeit des Nationalsozialismus Thema auf dem Stadtrundgang zur Frauengeschichte in der Nürnberger Südstadt. Hier stand die Geschichte der Frauen Jakob im Mittelpunkt.

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Zeitzeugin Eva RößnerDie Zeitzeugin Eva Rößner, geborene Jakob, wuchs in der Nürnberger Südstadt auf und absolvierte in der Sperberschule ihre Schulzeit. Die Eltern, Margarete und Walter Jakob, waren in der kommunistischen Partei aktiv und der Vater gehörte ging bereits Anfang 1933 in den Untergrund, um der Verfolgung durch die Nationalsozialisten zu entgehen. Zu Ostern traf die Familie zum letzten Mal zusammen. Nach diesem Treffen wurde die Mutter sofort verhaftet.

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Margarete Jakob war gezwungen, sich von ihrem jüdischen Ehemann scheiden zu lassen, um aus der Haft in Aichach frei zu kommen. Auch danach stand die gesamte Familie jedoch unter strenger Überwachung, jeglicher Kontakt zum Ehemann und Vater war ihnen verboten. Walter Jakob war 1933 in die Tschechei geflohen, war auch dort politisch aktiv und emigrierte mit dem Einmarsch der Deutschen nach England. Dort heiratete er wieder, bevor er an Tuberkulose starb. Die zweite Ehefrau, Herta Jakob kam nach Kriegsende nach Nürnberg.

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Nach 1945 organisierten sich sowohl Margarete und Herta, wie auch die junge Eva Jakob in der kommunistischen Partei. Eva Rößner, inzwischen verheiratet, engagierte sich später in der Friedensbewegung und der Frauenarbeit und ist bis heute politisch aktiv.

Literaturtipp:

Renate Geyer: Die Geschichte der Frauen Jakob 1933-1945, in: Bennewitz, Nadja/Franger, Gaby (hrsg.): Am Anfang war Sigena. Ein Nürnberger Frauengeschichtsbuch, ars vivendi Verlag, Cadolzburg (2)2000

 

 


 

Im Oktober 2002 fand im Rahmen des Veranstaltungsmarathons der Stadt Nürnberg "Auf in den Süden" erstmals in der Nürnberger Südstadt ein historischer Frauenrundgang statt. Er wurde in Zusammenarbeit mit südpol e.V. angeboten.

Die obige Beschreibung dokumentiert die Ergebnisse dieser in Zusammenarbeit mit Zeitzeuginnen gestalteten Veranstaltung.

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