Stadtrundgang zur FrauengeschichteThemen: Arbeiterinnen, Nationalsozialismus und MigrationMit "Geschichte" werden nach wie vor meist historische Fakten, große Staatsmänner oder Kriege verbunden. Mit dem Stadtrundgang zur Frauengeschichte der Nürnberger Südstadt dagegen soll Geschichte aus der Perspektive der alltäglichen Erfahrungen der Leute vor Ort, vor allem der Arbeiterinnen der Südstadt beleuchtet werden.
Historisch betrachtet sind Migration und Wanderungsbewegungen auf der Suche nach Arbeit schon immer weit verbreitet. Lange bevor die ersten sogenannten GastarbeiterInnen im Jahr 1955 von der Bundesrepublik angeworben wurden, war die Ein- und auch die Auswanderung im hiesigen Gebiet durchaus üblich. Im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts stieg mit der Einwanderung aus ländlichen Gebieten in der Oberpfalz, Böhmen, Thüringen und Österreichs in den Nürnberger Außenbezirken die Zahl der BewohnerInnen deutlich an. Mit der Ansiedelung in Steinbühl waren die "Zugezogenen" dann vor allem in den neuen Industriebetrieben beschäftigt.
Frauen, die von "auswärts" in die Südstadt kamen, waren beispielsweise in den Schuckertwerken in der Gugelstraße tätig. Spezielle Angaben über die Anzahl der weiblichen Arbeitskräfte bei Schuckert oder die Arbeitsverhältnisse liegen nicht vor. In den Arbeitserinnerungen von Männern heißt es lediglich lapidar: "Mei Frau hat zum Schuckert nüber müssen". Es existieren jedoch zahlreiche Fotografien der Frauenarbeit aus dem Zählerwerk der Schuckertwerke. Bezeichnend für die Arbeitssituation der Frauen war es, dass sie unter
der Aufsicht von männlichen Meistern arbeiten mussten. Dieses Verhältnis
hat sich Jahrzehntelang nicht geändert, noch in den 50er Jahren des 20.
Jhs. erzählt ein Arbeiter der Siemens-Schuckert-Werke: "Ich war in
einer Abteilung, da waren 80 Frauen, die haben die ganzen Leitungen isoliert.
Also ich hätte die Arbeit keine 6 Wochen gemacht. Die haben ganz niedrige
Lohngruppen gehabt. Aber typisch dabei war, daß nicht eine Frau, sondern
ein Mann Vorarbeiter war". Die schlechtere Bezahlung lag zum einen daran, dass die Frauen fast allesamt ungelernt waren, zum anderen erhielten sie aber auch dann 30 - 50 % weniger, wenn sie dieselben Tätigkeiten wie Männer verrichteten. Ein politischer Zusammenschluss war den Frauen laut Gesetz von 1850 bis 1908 verboten. Ein erster Versuch, 1885 einen "Verein zur Vertretung der Interessen der Arbeiterinnen" in Nürnberg zu gründen, der besonders die Besserung der Lohnverhältnisse zum Ziel haben sollte, wurde bald vom Nürnberger Stadtrat verboten. Grundsätzlich hatte die Fabrikarbeit für die Frauen weniger eine emanzipatorische
Intention, sondern war vielmehr der wirtschaftlichen Notwendigkeit geschuldet.
Die Arbeitszeit betrug damals zwischen 10-15 Stunden und eine ehemalige
Arbeiterin erinnert sich im Alter von 87 Jahren:
Heute wird Arbeitsmigration meist mit der Zeit der sogennanten Gastarbeiter verbunden. Infolge des Arbeitskräftemangels zur Zeit des sogenannten Wirtschaftswunders entschloss sich die Bundesregierung ab 1955 zur Anwerbung ausländischer Arbeitskräfte. Von den rund 14.700 sog. GastarbeiterInnen, die nach Nürnberg kamen, waren rund ein Drittel Frauen. Eine von ihnen ist Frau Ipec, die 1974 aus Ankara nach Nürnberg kam und schließlich hier heimisch wurde. Frau Ipec und ihre Tochter Selma leben in der Südstadt und berichten über die ersten Jahre in Deutschland: --> Mitschnitt als mp3 (357 KB, 1:00 min) Heute sind rund 32,5 % der rund 60.000 EinwohnerInnen der Nürnberger Südstadt MigrantInnen. Türkische Imbisse, italienische Läden, Kulturvereine prägen heute das Bild dieses Stadtteils. Zu Beginn der Anwerbung der sog. GastarbeiterInnen stellte sich die Situation noch anders dar: --> Mitschnitt als mp3 (470 KB, 1:20 min) Frau Ipec engagiert sich seit einem halben Jahr in der internationalen Frauengruppe, die seit rund zehn Jahren besteht. --> Mitschnitt als mp3 (320 KB, 53 sec) Büsra Yilmaz gehört zur MigrantInnengeneration, die in Deutschland geboren ist. Sie ist noch Schülerin und war bisher kaum mit Schwierigkeiten als Migrantin konfrontiert. Allerdings befürchtet sie, dass bei der Suche nach einer Lehrstelle Probleme auf sie zu kommen werden. --> Mitschnitt als mp3 (890 KB, 2:32 min) Neben Migration war auch die Zeit des Nationalsozialismus Thema auf dem Stadtrundgang zur Frauengeschichte in der Nürnberger Südstadt. Hier stand die Geschichte der Frauen Jakob im Mittelpunkt. --> Mitschnitt als mp3 (250 KB, 42 sec)
--> Mitschnitt als mp3 (1005 KB, 2:51 min) Margarete Jakob war gezwungen, sich von ihrem jüdischen Ehemann scheiden zu lassen, um aus der Haft in Aichach frei zu kommen. Auch danach stand die gesamte Familie jedoch unter strenger Überwachung, jeglicher Kontakt zum Ehemann und Vater war ihnen verboten. Walter Jakob war 1933 in die Tschechei geflohen, war auch dort politisch aktiv und emigrierte mit dem Einmarsch der Deutschen nach England. Dort heiratete er wieder, bevor er an Tuberkulose starb. Die zweite Ehefrau, Herta Jakob kam nach Kriegsende nach Nürnberg. --> Mitschnitt als mp3 (427 KB, 1:12 min) Nach 1945 organisierten sich sowohl Margarete und Herta, wie auch die junge Eva Jakob in der kommunistischen Partei. Eva Rößner, inzwischen verheiratet, engagierte sich später in der Friedensbewegung und der Frauenarbeit und ist bis heute politisch aktiv.
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Im Oktober 2002 fand im Rahmen des Veranstaltungsmarathons der Stadt Nürnberg "Auf in den Süden" erstmals in der Nürnberger Südstadt ein historischer Frauenrundgang statt. Er wurde in Zusammenarbeit mit südpol e.V. angeboten. Die obige Beschreibung dokumentiert die Ergebnisse dieser in Zusammenarbeit mit Zeitzeuginnen gestalteten Veranstaltung. |